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ZSC Lions vs. HC Lugano 5:4 n.V.

Wildes Hin und Her mit besserem Ende für die Lions

Die ZSC Lions gewinnen auch das zweite Spiel im Playoff-Final gegen Lugano. Roman Wick schiesst die Zürcher in der Verlängerung nach 17 Minuten zum 5:4-Sieg.

Die ZSC Lions taumelten im ersten Playoff-Final-Heimspiel gegen Lugano, ehe Roman Wick in exakt drei Minuten vor Ende der Overtime mit einem raffinierten Schuss das 5:4 erzielte. Die Tessiner stehen in der Serie bereits mit dem Rücken zur Wand.

In Oerlikon kam die Kulisse in den Genuss von einer puren und faszinierenden Playoff-Show. Checks, Führungwechsel, Emotionen, überschäumende Reaktionen auf den Rängen. Im vierten Drittel bekämpften sich die beiden derzeit besten National-League-Teams wie wie taumelnde Boxer, die ihre letzten Kraftressourcen beanspruchten – bis Roman Wick den HCL mit seinem Schlenzer ins Lattenkreuz mitten ins Herz traf.

Dass die Lions auf ihrer aktuellen Mission selbst von Tiefschlägen offenbar nicht vom Kurs abzubringen sind, hatten sie bereits gegen den entthronten Titelhalter Bern unter Beweis gestellt; in einer aufwühlenden Partie gegen die auf allen Ebenen unberechenbaren Südschweizer überstand das Heimteam diverse heikle Szenen. In einem mitreissenden Finish sorgte Wick für die minimale Differenz, die aus Zürcher Optik viel wert sein könnte. „Augen zu und geschossen“, so schilderte der Matchwinner sein Kunststück.

Es war ein erstes Rencontre mit beidseits offenem Visier. Die strategische Zurückhaltung wich der Bereitschaft, sich einen Schlagabtausch ohne defensive Absicherung zu liefern. Derweil sich die Lions (zu) ungestüm einen 2:0-Finalvorsprung zu erstürmen versuchten, fanden die Tessiner immer wieder einen Weg aus der Umklammerung. Erst in der Verlängerung

So wild, so leidenschaftlich, so fokussiert wie im ausverkauften Hallenstadion wären die Bianconeri mutmasslich auch beim Start des Final-Klassikers gerne aufgetreten. Ihre Darbietung war nicht zu vergleichen mit der verhaltenen Ouvertüre. Panik sei nicht angezeigt, liessen die Südschweizer verlauten, und hielten Wort: Sie erhoben sich im Kollektiv und gingen dem Kontrahenten erstmals richtig unter die Haut.

Und doch endete der hitzige Abend der allgemeinen Turbulenzen und gefühlsmässigen Schlangenlinien für die Gäste frustrierend. Unter Druck entglitt ihnen eine 3:2-Führung, und unmittelbar vor der Overtime vergab der solo anstürmende Alessio Bertaggia den Matchpuck. Statt mit einem durchaus möglichen Break und Rückenwind kehrten sie angeschlagen ins Sottoceneri zurück. Am Montag droht im Best-of-7-Duell bereits ein 0:3-Handicap, das vom seit 2006 titellosen HCL nach sportlichen Ermessen kaum mehr wettzumachen sein dürfte.

Beim nahezu makellosen Auftakt hatten die Zürcher den Tessinern während 60 Minuten kaum einen Quadratmeter freie Eisfläche überlassen. Wer eine Fortsetzung im ähnlich souveränen Stil erwartet hatte, verkalkulierte sich. Die Lions überraschten im Startdrittel mit temporären Aussetzern und offerierten Lugano Raum zu Konterattacken.

Zweimal führten die Gastgeber vor 11'200 Zuschauern im ersten Abschnitt, zweimal wählten sie in der Euphorie den kompromisslosen Vorwärtsgang – in beiden Fällen ging das Vorhaben schief. Maxim Lapierre, der lange überragende Topskorer der Südschweizer, schloss einen Gegenzug mit dem 1:1 ab. In der 15. profitierte Sébastien Reuille von einem nächsten Fauxpas der zu unbekümmerten Powerplay-Formation Zürichs.

Der dritte Shorthander Reuilles in der Crunch Time hinterliess im Team von Hans Kossmann Spuren, die Stilsicherheit verflüchtigte sich phasenweise – anders ist der Scheibenverlust von Phil Baltisberger nicht zu deuten; der Verteidiger liess sich von Lapierre 13 Sekunden nach der ersten Pause ohne Not zu jener Szene verleiten, die Gregory Hofmann zum 3:2-Vorteil verwertete.

ZSC Lions – Lugano 5:4 (2:2, 1:1, 1:1, 1:0) n.V.

11'200 Zuschauer (ausverkauft). – SR Koch/Wehrli, Kovacs/Obwegeser. – Tore: 4. Klein (Wick, Kenins) 1:0. 7. Lapierre (Hofmann) 1:1. 13. Kenins 2:1. 15. Reuille (Sannitz/Ausschluss Zorin!) 2:2. 21. (20:13) Hofmann (Lapierre) 2:3. 29. Sutter (Wick/Ausschluss Johnston) 3:3. 42. Shore (Klein, Kenins/Ausschluss Sannitz) 4:3. 53. Sannitz (Walker/Ausschluss Schäppi) 4:4. 78. (77:00) Wick (Kenins) 5:4. – Strafen: 6mal 2 Minuten gegen den ZSC, 9mal 2 Minuten gegen Lugano. – PostFinance-Topskorer: Pettersson; Lapierre.

ZSC Lions: Flüeler; Klein, Phil Baltisberger; Sutter, Geering; Berni, Marti; Guerra; Chris Baltisberger, Schäppi, Herzog; Pettersson, Suter, Korpikoski; Wick, Shore, Kenins; Künzle, Prassl, Miranda; Pestoni.

Lugano: Merzlikins; Sanguinetti, Vauclair; Johnston, Furrer; Ulmer, Wellinger; Ronchetti; Lapierre, Lajunen, Hofmann; Romanenghi, Cunti, Fazzini; Walker, Sannitz, Reuille; Vedova, Morini, Bertaggia; Zorin.

Bemerkungen: ZSC Lions ohne Blindenbacher, Nilsson, Sjögren, Vey (alle verletzt), Bachofner, Pelletier, Seger, Karrer, Hinterkircher (alle überzählig), Lugano ohne Chiesa, Bürgler, Brunner (alle verletzt), Klasen, Etem, Riva (alle überzählig). 38. Ronchetti verletzt ausgeschieden. 59. Schuss von Bertaggia touchiert den Aussenpfosten.

Third Star: Maxim Lapierre (HC Lugano). Das erste Spiel lief noch völlig an Lapierre vorbei. Damit dies nicht wieder passiert, stürzte sich der Leader gleich im ersten Einsatz so richtig ins Gefecht und teilte in weniger als 20 Sekunden gleich drei kernige Checks aus. Diese Kadenz konnte er natürlich nicht halten, doch auch in den folgenden 77 Minuten war Lapierre der beste Mann seiner Mannschaft. Immer und immer wieder agierte er als Provokateur und holte Strafen heraus; immer und immer wieder tänzelte er seine Gegenspieler aus und legte geschickt auf seine Teamkameraden. Sein Tor zum 1:1 hat er sich mit dieser Leistung mehr als verdient, kann sich aber davon aufgrund des Schlussresultats auch nichts kaufen. Es bleibt die Erkenntnis: Will der HC Lugano in diese Serie zurückfinden, so brauchen sie einen Lapierre in Topform. Wie heute.

Second Star: Roman Wick (ZSC Lions). WAS FÜR EIN SCHUSS! Genau als die Matchuhr auf 77:00 springt, zaubert Roman Wick in Bedrängnis und aus relativ schwierigem Winkel den Puck ins entfernte Lattenkreuz und sichert seinen Farben damit den so wichtigen Sieg. Genau in solchen Spielen, die auf Messers Schneide tanzen, braucht es Spieler wie Wick. Genial!

First Star: Kevin Klein (ZSC Lions). Dieser Mann entwickelt sich zum absoluten Star dieser Playoffs. Klein ist defensiv wie offensiv omnipräsent, nimmt jeden Zweikampf an, geht mit grossem Engagement voran, kämpft, ackert und macht so ziemlich alles richtig. Über 35 Minuten steht Klein auf dem Eis und spielt damit über sieben Minuten länger als sein erster Verfolger, Patrick Geering. Wahnsinn! Kein Wunder, kursiert mittlerweile eine Petition in den sozialen Medien, die den Kanadier zum Verbleib im Zett-Kader auffordert.

Loser: Alessio Bertaggia (HC Lugano). Der Tessiner hatte kurz vor Schluss die grosse Möglichkeit zum Matchwinner zu avancieren. Bertaggia zog alleine auf Flüeler los, scheiterte aber am eigenen Unvermögen bzw. den Nerven. Auch sonst war die Leistung des Offensivmannes eher unauffällig, gab er im ganzen Spiel, das doch 77 Minuten dauerte, nur einen einzigen Schuss ab.

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