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Ein nüchternes Fazit von Thomas Roost

Die U20-WM ohne Überraschungen

Die Eishockeyhierarchie ist stabiler denn je. Die Top6 spielten wie in einer anderen Liga, Kanada, Schweden und die USA haben sehr verdient die Medaillen unter sich verteilt und die Nummern 7 und 8 (Schweiz und Slovakei) haben ihre Positionen ebenfalls zementiert. Ueberraschungen blieben gänzlich aus denn der Sieg der Slovaken gegen die USA war die Regel welche die Ausnahme bestätigt, es wäre im Turnierüberblick eine Ueberraschung gewesen wenn es nicht diese eine Ueberraschung gegeben hätte…

Noch einmal: Die Top6 sind ein gutes Stück entfernt von den Verfolgern. Die Finnen haben bereits vor zwei bis drei Jahren zu den “Top-Shots” aufgeschlossen und die jüngst schwächelnden Tschechen haben sich durch smarte Programme wieder erholt und sind wieder auf Augenhöhe mit den anderen Top-Nationen, die Tschechen hatten grossartige Offensivspieler hier an dieser U20-WM. Die Schweizer Spiele haben nicht nur auf dem Resultatblatt sondern vor allem auch im so genannten “Eye- Test” unsere Defizite im Vergleich zu den Spitzennationen aufgezeigt. Grossartig, dass dieses Turnier erstmalig in unserem Land TV-technisch aufbereitet wurde; mir haben die diesbezüglichen Sendungen sehr gefallen.

Hoffentlich helfen diese Live- Uebertragungen und Analysen der Schweizer Spiele auch dazu, weit verbreitete alte Zöpfe abzuschneiden. Nicht wenige heimische Eishockeyexponenten werden jetzt ihre Bücher neu schreiben; ich wünsche es mir zum künftigen Wohle unseres Schweizer Eishockeys. Eindrücklich das Niveau an der Spitze dieser U20-WM. Die USA, Kanada, Schweden und Finnland haben uns Verteidiger modernster Prägung präsentiert: Verteidiger die sensationell und mit grossem Speed schlittschuhlaufen, Verteidger mit exzellenten, weichen, schnellen Händen und guter Kreativität.

Zu den alten Zöpfen: Alter Zopf Nr. 1: “Unsere Spieler sind technisch und läuferisch sehr gut.”

Die Erkenntnis: Unsere Spieler sind im Durchschnitt läuferisch und vor allem stocktechnisch (Scheibenkontrolle, Moves, Körpertäuschungen, Schuss- und Passqualität) ein gutes Stück von der Weltspitze entfernt. Niemand von unseren Spielern hat auch nur annähernd Hände wie z.B. Dahlin, Pettersson, Necas, Mittelstadt, Kostin, Nylander, Zadina, Svechnikov. Niemand von unseren Spielern skated so gut wie z.B. Mete, Makar, Brannström, Hughes, Formenton, niemand von unseren Spielern schiesst auch nur annähernd so gut wie Bellows, Svechnikov oder Tolvanen und dies sind jetzt nur Namen die mir spontan eingefallen sind.

Ich bin sicher, dass wenn ich meine “Bücher” konsultiere, noch einige Spieler bei diesen Aufzählungen hinzu kommen würden. Unser durchschnittlich spieltechnisches Niveau ist deutlich von der absoluten Weltspitze entfernt. Wenn wir Spielresultate gegen die Top 6 bis weit in die zweite Spielhälfte einigermassen offen halten können so bedeutet dies nicht, dass wir auf deren Niveau spielen. Zu oft gibt es Phasen, in denen die Schweden, Russen, Tschechen oder Kanadier das Spiel so aussehen haben lassen, als spielen wir in Unterzahl; diese eindrücklichen Sequenzen müssen wir neidlos anerkennen.

Alter Zopf Nr. 2: “Unsere Spieler sind im Kopf nicht stark genug und verweichlicht, versagen unter Druck. Es geht ihnen zu gut in unserem Land, sie müssen für Ihre Karriere zu wenig kämpfen.”

Die Erkenntnis: Nein, ich unterschreibe dies nicht. Wir denken zu oft noch in uralten Mustern. Wer denkt, dass die Lebensqualität, der Lebensstandard und die Lebensalternativen in Ländern wie z.B. Schweden oder Finnland markant anders ist als bei uns liegt falsch. Selbst in Russland stammen heute nicht wenige talentierte Hockeyjunioren aus wohlhabenden Familien, in Einzelfällen sogar aus Oligarchenfamilien. Unsere Spieler sind im Vergleich mit den Top-Nationen nur ansatzweise verweichlicht und nicht unstabiler im Kopf als anderswo. Dies bedeutet selbstverständlich nicht, dass wir auf mentaler Ebene auf hochprofessionelle Arbeit verzichten sollen, in den anderen Top- Hockey-Nationen wird ebenfalls auf hohem Niveau auf mentaler Ebene gearbeitet. Dies gehört zu den Hausaufgaben, ist aber nicht ein markantes Defizit unseres Hockeys.

Alter Zopf Nr. 3: “Unsere Spieler gehen nicht dorthin wo es weh tut, sie haben zu wenig so genannten Net-Drive.”

Die Erkenntnis: Ich teile diese Meinung nur ansatzweise. Ich weiss, dass hierzulande seit Jahren nordamerikanischer Net-Drive, direkter Zug zum Tor, und Net-Front- Präsenz auf allen Stufen gepredigt wird. Dies tun auch die Schweden und Finnen. Irgendwie scheint dies aber bei den Europäern nie ganz so anzukommen wie bei den Nordamerikanern. Die Russen, die Schweden, die Finnen, die Tschechen und auch die Schweizer erreichen diesbezüglich die Qualität und Intensität der Nordamerikaner nicht. Dass die Schweizer aber betr. “Drive to the Net” weit hinter den Top6-Europäern herhinken habe ich kaum festgestellt. Ich fand die Net-Front- Präsenz und den Drive zum Netz von unserer Mannschaft an dieser U20-WM ganz ok. Was oft vergessen wird: Erfolgreiche “Net-Front- Präsenz” hat viel auch mit individueller Klasse zu tun. Denn ohne stocktechnische Fähigkeiten, ohne grosse Stabilität auf den Schlittschuhen und ohne klitzekleine superschnell ausgeführte Körpertäuschungen und ohne schnelle Hände kommt man nicht so einfach zu torgefährlicher Net-Front- Präsenz.

Alter Zopf Nr. 4: “Wir gehen an die Junioren-WM, um eine Medaille zu gewinnen, das ist unser Ziel, wir sind fähig dazu.”

Die Erkenntnis: Ich hoffe, dass auch der persönliche “Eye-Test” bei den meisten Betrachtern zum Schluss führt, dass eine solche Erwartungshaltung unrealistisch ist. Nicht nur negatives Denken sondern auch übersteigertes positives Denken ist unvorteilhaft. Eine realistische Erwartungshaltung ist angesagt und ich untermale dies mit folgender Statistik: WM-Spiele gegen die Top6-Nationen in den letzten 10 Jahren auf U20 oder U18-Stufe: 10 Siege, 68 Niederlagen! D.h. nur in ungefähr 13% dieser Spiele darf mit einem Sieg gerechnet werden…und wenn wir von Medaillen sprechen dann müsste ich ja die Top3 als statistischen Vergleich herbeiziehen; diese Statistik zeigt aber lediglich die Vergleiche mit den Top 6… Hinzu kommt, dass die Mehrzahl dieser 10 Siege in für den Gegner ziemlich unbedeutenden Gruppenspielen zustande gekommen sind, d.h. die Mehrheit dieser 10 Niederlagen der Grossen gegen uns hatte für sie kaum Konsequenzen.

Weiter müssen wir berücksichtigen, dass die Kanadier auf U18-Stufe nie mit ihrer besten Mannschaft antreten weil ihre Juniorenteams noch in den Playoff beschäftigt sind. Noch eine Relativierung von “guten” Resultaten gegen die Top6 auf U20-Stufe: High-End- Spieler wie z.B. Laine, Matthews, McDavid, stehen den Top-Nationen in der Regel nur als so genannte Double-Underager und – wenn’s hoch kommt – als Underager zur Verfügung denn die Topspieler der Topnationen sind so gut, dass sie bereits als U20-Spieler bereits in der NHL auflaufen und für die Junioren-WM nicht mehr zur Verfügung stehen. Dasselbe ist der Schweiz in diesem Jahr mit Nico Hischier auch widerfahren, ist aber eine riesige Ausnahme bei uns, bei den Top-Nationen hingegen sehr regelmässig der Fall.

Alter Zopf Nr. 5: “Siege gegen Gegner wie Weissrussland, Dänemark, Slovakei, Lettland, Deutschland, Kasachstan sind minimalste Pflicht. Diese Operettenhockeyländer können mit unserem Niveau nicht mithalten und Niederlagen gegen diese Teams sollten auf Coachingebene zu Konsequenzen führen”

Die Erkenntnis: Die Schweiz ist zwar in solchen Spielen in der Regel Favorit aber Siege gegen diese Teams sind weit weniger eine Selbstverständlichkeit als Schweizer Niederlagen gegen die Top 6-Nationen. Ich verdeutliche dies mit folgender Statistik: Spiele gegen diese Nationen in den letzten 10 Jahren anlässlich einer U20- oder U18-WM: 29 Siege, 11 Niederlagen. D.h. in ungefähr einem Drittel der Spiele gegen diese Nationen sind Niederlagen zu erwarten.

Die Schweizer Leistung aus meiner Sicht:

Ich war zufrieden mit der Schweizer Leistung. Dies immer im Wissen um die Leistungsmöglichkeit unseres Teams. Mir hat die optimistische Spielweise gefallen, so ganz nach dem Motto „wer auftritt will spielen“ und nicht „wir igeln uns ein und verstecken uns“. Der Kampfgeist war gut und auch die Aufopferungsbereitschaft hinsichtlich Schüsse blockieren und versuchter Slot-Präsenz. Ich meinte zu spüren, dass unsere Jungs heiss waren und gut vorbereitet. Die vielen individuellen Fehler sind die logische Folge von Ueberforderung und mangelnden Skills und je älter das Spiel desto wahrscheinlicher werden Fehler wenn man von der ersten Minute an recht eigentlich überfordert ist und nur mit höchster Konzentration und grösstmöglicher Kraftanstrengung dagegen halten kann.

Das Wichtigste aus Schweizer Sicht: Die Schweiz hat einmal mehr ein “Ueberlebensspiel” gewonnen (Weissrussland) und diese Leistung wird tendenziell zu gering geschätzt. In den Spielen gegen die Grossen wurde vorbildlich gekämpft aber das wahrscheinlichste Resultat ist leider immer eingetroffen: Die Niederlage. Nur mit weit überdurchschnittlichen Goalieleistungen plus mit viel Schlachtenglück und gegnerischem Leichtsinn hätten wir mit dieser Mannschaft einem Grossen ein Bein stellen können und dies ist – ausser dem gegnerischen Leichtsinn (Schweden, Tschechien) erwartungsgemäss nicht eingetroffen. Individuell ist es schwierig, sichere zukünftige NHL-Spieler aus dem Schweizer Kader zu benennen. Der diesbezüglich hoffnungsvollste Name ist Valentin Nussbaumer, aber auch eine Handvoll anderer Spieler haben wenigstens gute NHL-Draftchancen.

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den zur NHL gehörenden Central Scouting Service und seit 2010 Scout für den EHC Biel. Hauptberuflich ist er als CHRO und Mitglied der Konzernleitung in einer internationalen Touristikfirma mit weltweit 1500 Mitarbeitenden tätig. Thomas leistet sich eine eigene Meinung und freut sich immer sehr über Reaktionen zu seinen Beiträgen die zur Diskussion Anlass geben sollen. Er pflegt auch mit viel Spass seinen Twitter-Account @thomasroost.

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