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Viele Transfers und trotzdem keine Punkte

Der AC Milan ist unter Gennaro Gattuso ohne jegliche Stabilität

Fast 200 Millionen Euro haben die chinesischen Investoren des AC Milan im Sommer für neue Spieler ausgegeben. Gebracht hat das nicht viel, aktuell belegt der Klub lediglich den elften Tabellenplatz der Serie A. Retten soll die Saison Vereinslegende Gennaro Gattuso, der Ende November den entlassenen Vincenzo Montella als Trainer ersetzte.

Es war ein Bild mit Symbolcharakter, das Gianluigi Donnarumma in der Kabine nach Milans 3:0-Sieg im Pokalspiel gegen Hellas Verona Mitte Dezember abgab. Der junge Keeper sass da und weinte. Selbst nach einem der wenigen Erfolgserlebnisse unter dem neuen Trainer Gennaro Gattuso herrschte also Trauer. Grund dafür war die neueste Episode einer Fortsetzungsgeschichte, die einer tragischen Seifenoper gleicht: Das Leben des Gigio Donnarumma.

Nach seinem Durchbruch in der vergangenen Saison wollte der Keeper im Sommer angeblich wechseln, unterschrieb dann aber doch einen neuen Vertrag bis 2021. Sein Berater Mino Raiola versucht nun, eine Annullierung des Kontrakts zu erwirken. Dieser stelle seiner Meinung nach eine „Verletzung der Moral“ dar. Wegen angeblich psychologischer Druckausübung seitens des Vereins. Donnarumma selbst will davon nichts wissen und dementierte die Aussagen bereits.

Den Fans ist das egal, sie hielten beim Spiel gegen Hellas ein Plakat hoch, auf dem geschrieben stand: „Verletzung der Moral heisst es also, sechs Millionen Euro zu verdienen und deinen parasitären Bruder zu ernähren? Verschwinde, unsere Geduld hat ein Ende!“ Mit dem „parasitären Bruder“ war Antonio Donnarumma gemeint, dessen Verbleib als Ersatz-Keeper gerne mit seinem talentierten Geschwisterchen Gigio begründet wird. Nach dem Abpfiff des Spiels jedenfalls machte sich Donnarumma auf den Weg in die Kabine – wie in Italien üblich von Kameras gefolgt – und brach dort in Tränen aus. Vor den Linsen der Kameras.

Sofort tröstete ihn sein Teamkollege Leonardo Bonucci, auch das ist zu sehen. Später bei der Pressekonferenz nahm ihn Trainer Gennaro Gattuso in Schutz: „Diese Leute greifen ein Kind an. Er ist kein Monster und verdient das nicht.“ Sportdirektor Massimiliano Mirabelli bot den Milan-Anhängern eine Alternative zu den Angriffen auf Donnarumma an: „Sie sollten lieber die Gegner verhöhnen und nicht unsere eigenen Spieler.“ Eine mehr als zweifelhafte Aussage und eine, die die Hilflosigkeit der Funktionäre deutlich macht. Nicht nur im Umgang mit Donnarumma, sondern der allgemeinen Situation im Verein. Der einst so ruhmreiche AC Milan steckt in einer vielschichtigen Krise.

Milan: Viel Geld für zu viele Transfers

Nach 19 Spieltagen ist Milan Tabellenelfter – in einer Saison, in der eigentlich die Rückkehr zu altem Glanz gelingen sollte. Im Frühling übernahm ein chinesisches Konsortium um Investor Yonghong Li den Klub, für den Kauf lieh es Geld von einem US-amerikanischen Hedgefonds. Fast 200 Millionen Euro investierte Milan auf dem darauffolgenden Sommer-Transfermarkt, kaufte mit Andre Silva, Hakan Calhanoglu, Ricardo Rodriguez und Franck Kessie vielversprechende Spieler und holte mit Leonardo Bonucci einen der besten Verteidiger der Welt.

Gebracht hat die Transfer-Offensive bisher jedoch nichts. „Haben wir zu viele Spieler verpflichtet?“, fragte Geschäftsführer Marco Fassone neulich rhetorisch und gab sich die Antwort gleich selbst: „Schon möglich.“ Er erklärte auch noch, dass „wir ein paar Fehler gemacht haben“ und „die bisherigen Leistungen einiger Neuer unter ihrer eigenen Qualität sind“. Verantwortlich gemacht wurde dafür Trainer Vincenzo Montella, der den Klub nach dem enttäuschenden Saisonstart verlassen musste.

Gattusos trostlose Trainerkarriere

Zum Nachfolger wurde Ende November der vormalige Jugendtrainer Gattuso bestimmt, der 39-Jährige unterschrieb einen Vertrag bis 2019. Gattuso ist eine Wahl fürs Volk. Ein beliebter Ex-Spieler, der als Identitätsstifter einend auftreten soll und pathetische Sätze sagt wie: „Milan ist meine zweite Haut.“ Oder: „Wenn man das Milan-Trikot trägt, muss man es respektieren.“ Eine Massnahme, die bei Milan in den vergangenen Jahren schon zweimal scheiterte: erst mit Clarence Seedorf, dann mit Filippo Inzaghi.

Bei ihnen war es wie jetzt bei Gattuso: So grossartig seine Karriere als Spieler verlief (Weltmeister, zweimaliger Champions-League-Sieger), so trostlos seine bisherige als Trainer. Gattuso wurde bei US Palermo und dem Schweizer FC Sion entlassen, er trat beim griechischen OFI Kreta wegen ausstehender Gehälter zurück und beim AC Pisa nach dem Aufstieg von der dritten in die zweite Liga wegen Differenzen mit der Vereinsführung ebenfalls.

Gattuso: Der schlechteste Trainer der Serie A

Gattusos Qualifikation ist seine Vergangenheit als Spieler, immerhin verschafft sie ihm Respekt in der Mannschaft. „Als Kind habe ich ihn immer für seinen Mut und seine Opferbereitschaft bewundert“, sagt etwa der 19-jährige Patrick Cutrone. „Er ist nichts anderes als eine Legende und es ist eine grosse Ehre, ihn jetzt als Trainer zu haben.“ Der emotionalisierte Cutrone war es, der Gattuso seinen bisher grössten Triumph als Milan-Trainer bescherte, einen 1:0-Sieg nach Verlängerung im Pokal-Viertelfinale gegen den Lokalrivalen Inter.

Ansonsten: fünf Punkte aus fünf Serie-A-Spielen, der von Donnarumma beweinte Sieg im Pokal gegen Hellas und eine 0:2-Niederlage in der Europa League gegen HNK Rijeka. Personelle Kontinuität ist dabei keine erkennbar, noch nie bot Gattuso zweimal in Folge dieselbe Startelf auf. In der italienischen Presse wird er unterdessen für seine fehlende taktische Linie getadelt. „Vielleicht bin ich der schlechteste Trainer der Serie A“, sagte Gattuso neulich selbstironisch und ergänzte ganz ernst: „Aber ich will immer gewinnen, selbst wenn ich mit meinem Sohn im Garten spiele.“

So enttäuschend aber die Gegenwart verläuft, so gross sind Gattusos Visionen. Er findet, dass „dieses Milan an das aus der ersten Saisonhälfte der Saison 2006/07 erinnert“. Am Ende besagter Spielzeit gewann Milan die Champions League. Zumindest das ist diesmal nicht mehr möglich, auf internationaler Bühne reist Milan Mitte Februar zum Auswärtsspiel des Europa-League-Sechzehntelfinals zu Ludogorets Razgrad.

Milan: UEFA-Ermittlungen und Präsidenten-Fesselungen

Auch eine Champions-League-Teilnahme in der nächsten Saison erscheint derzeit reichlich unrealistisch, der Rückstand auf den Qualifikationsplatz vier beträgt bereits 14 Punkte. Sollte die utopisch anmutende Aufholjagd ausbleiben, müsste der Klub seine grossen Pläne überdenken.

„Dann kann es sein, dass wir Spieler verkaufen müssen“, sagt Fassone. Schon jetzt ermittelt die UEFA wegen möglicher Verstösse gegen das Financial Fairplay. „Wir könnten bestraft werden und einige Einschränkungen für die nächsten Jahre bekommen“, erklärt Fassone.

Nach dem Sieg im Pokal gegen Inter, den auch die chinesischen Eigentümer im Stadion verfolgten, präsentierte Gattuso immerhin seinen Lösungsvorschlag für die sportliche Krise. „Wenn Präsident Yonghong Li im San Siro war, haben wir noch kein Spiel verloren“, sagte Gattuso: „Fesselt ihn hier und wir haben alle Probleme gelöst.“

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