1356c0c7c3ca2dd4a65cae5a5e98d389.jpg
Thomas Roost über abtretende Hockeygrössen

Die fehlenden Laudationen

Was haben Martin Plüss, Reto VonArx, Mathias Seger, Shane Doan, Mark Streit und “you name it” gemeinsam? Sie alle sind kürzlich nach einer langen, erfolgreichen Karriere zurückgetreten, resp. mussten zurücktreten. Für alle gab es in den verschiedensten Mediengefässen entsprechende Laudationen mit unzähligen Ehrerbietungen und Danksagungen, man könnte manchmal meinen, diese Spieler seien nicht nur zurückgetreten sondern verstorben.

Interessant bei vielen dieser Lobreden und Kommentare ist die Tatsache, dass meistens immer nur der Spieler selbst gewürdigt, nur dem Spieler selbst gedankt wird und nicht zu selten mit dem Unterton des Unverständnisses, dass ein solcher Spieler keinen  anständigen Vertrag mehr offeriert erhalten hat, so nach dem Motto: Jetzt hat er sich all die vielen Jahre den “A….” aufgerissen und dann wird er derart respektlos abserviert.

 Hierzu will ich zwei Aspekte etwas näher beleuchten:

1. Ist es nicht angezeigt, wenn jeweils in diesen Lobreden auch die vielen Förderer und Unterstützer erwähnt werden? Karrieren von Spitzensportlern werden immer auch begleitet und unterstützt von Trainern und Coaches aller Art, vom Glück, von Freunden, der Familie, Agenten, Physios, Aerzten usw. Ja, ohne Zweifel, es ist immer der Spieler selbst der grossenteils für seine Karriere selbst verantwortlich ist aber ohne die vielen hoch qualifizierten Begleiter und Förderer und ohne einiges an Glück wären vermutlich die wenigen (Plüss, VonArx, Seger) oder vielen (Streit, Doan) Millionen nicht geflossen. Bei vielen Karriererückblicken fehlt mir dieser Teil der Würdigung zu oft. Ebenso fehlt mir mitunter die Danksagung an die Clubs die dem Spieler über viele Jahre grossartige Saläre gezahlt haben.

2. Noch viel mehr wundere ich mich über die häufige Kritik der Undankbarkeit, des würdelosen Abgangs, respektloser Umgang mit verdienten Spielern die sich viele Jahre für diesen oder jenen Verein aufgeopfert haben. Tatsächlich? Ich empfinde dies als einen Schlag ins Gesicht für Millionen von Arbeitnehmern die irgendwo auf diesem Planeten bei Teils widrigsten Bedingungen ihre Gesundheit  für schreiend wenig Geld aufs Spiel setzen weil sie kaum eine andere Wahl haben.  Eishockeyspieler mit Rang und Namen finden in der Regel hochkarätigste Arbeitsbedingungen vor: Im Vergleich mit “Normalbürgern” ein weit überdurchschnittliches Salär, beste medizinische Betreuung, Ruhm und Ansehen und all dies bei höchst angenehmen wöchentlichen Arbeitszeiten.

Im Spitzensport zählt Angebot und Nachfrage. Wenn ich z.B. nach Meinung des Eishockeyspielermarktes Leistungspotenzial mitbringe wie kaum je ein anderer, dann winken Millionen. Dies ist aber ein dynamischer Prozess. Ein Zwölfjähriger erhält kein Millionenangebot wie auch in aller Regel ein über 40-Jähriger nicht. Ich will jetzt nicht darüber streiten ob der Markt fair ist oder nicht. Tatsache ist, dass der Markt die Angebote an Spielern steuert und wenn ein 40-Jähriger im Verhältnis nur noch ein kleines oder gar kein Angebot mehr erhält – weil der Markt der Meinung ist, dass er es nicht mehr so bringt wie andere Spieler die auf dem Markt sind – dann hat dies rein gar nichts mit mangelndem Respekt, mit Undankbarkeit oder mit würdelosem Verhalten zu tun. Während den besten Karrierejahren hat sich auch kaum jemand darüber aufgehalten, dass andere Spieler im Team (zu junge, zu alte, weniger gute) deutlich weniger Geld verdient haben als diese Starspieler. Nein, wenn es darum geht, Spielern, die sich im Spätherbst ihrer Karriere befinden, Vertragsofferten zu unterbreiten, dann dürfen in einem professionellen Umfeld nur das subjektiv empfundene Leistungspotenzial der Entscheidungsträger und des Markts eine Rolle spielen. Von vergangenem Ruhm und errungenen Titeln eines Spielers kann sich ein Verein in der Gegenwart und in Zukunft rein gar nichts kaufen. Der Spieler soll höchst dankbar sein, dass er während vielen Jahren zu äusserst attraktiven Bedingungen angestellt worden ist und mit fortschreitendem Alter muss er der Tatsache ins Auge schauen, dass ihn jüngere Spieler ablösen. Im normalen Berufsleben ist es nicht sehr viel anders. Wenn z.B. ein langjähriger, verdienter, über 50-Jähriger Buchhalter noch eine Gehaltsanpassung erwartet dann ist er naiv, denn es gibt vermutlich jüngere, frischer ausgebildete, günstigere Konkurrenz, so einfach ist das. Spieler, deren Karrieren zu Ende neigen sitzen bei Vertragsverhandlungen schlicht und einfach nicht mehr im “Driver-Seat” und dies hat rein gar nichts mit fehlendem Respekt zu tun. Vergessen wir zudem nicht: Keine Partei schuldet der anderen nach dem Karriereende etwas denn während der Karriere gab es immer wieder einen marktfairen Austausch zwischen Leistung und Bezahlung. An dieser Stelle will ich auch sehr deutlich machen, dass die erwähnten Starspieler auf jeden einzelnen Dollar den sie verdient haben stolz sein dürfen. Ich bin gegen jegliche Art von Neidkultur und es steht mir auch fern, die Moralkeule zu schwingen.

 

Von vergangenem Ruhm und errungenen Titeln eines Spielers kann sich ein Verein in der Gegenwart und in Zukunft rein gar nichts kaufen.

 

Oder schuldet doch irgend jemand anderen etwas? Vielleicht der Spieler der Hockeyfamilie? Ist es zu viel verlangt wenn man z.B. einen Mark Streit oder Martin Plüss versucht, für die Nachwuchsausbildung zu motivieren? Sie haben ja seinerzeit auch von guten Ausbildnern profitiert. Mark Streit, Martin Plüss, Mathias Seger… was können die unseren Kids alles für grossartige Hockeygeschichten erzählen! Staunende Gesichter und leuchtende Augen sind garantiert und wir wollen ja zur Weltspitze aufschliessen und dies können wir nur, wenn wir mehr Kids zum Hockeysport motivieren können. Die hierzu potenziell grössten Motivatoren sind Vorbilder wie Mark Streit, wie Martin Plüss, wie Mathias Seger die Ihr Knowhow, ihre Erfahrungen, ihre erlebten Geschichten an die übernächste Generation weitergeben.

Der Kreis schliesst sich. Unsere ersten NHL-Helden kehren zurück und engagieren sich hoffentlich in der Nachwuchsaubildung, auch dies hätte dann eine Laudatio verdient. Vor 30-40 Jahren war dies in Schweden und Finnland nicht viel anders und heute dürfen sich diese beiden Nationen zur absoluten Weltspitze zählen.

Thomas Roost ist seit 1996 NHL-Scout für den zur NHL gehörenden Central Scouting Service und seit 2010 Scout für den EHC Biel. Hauptberuflich ist er als CHRO und Mitglied der Konzernleitung in einer internationalen Touristikfirma mit weltweit 1500 Mitarbeitenden tätig. Thomas leistet sich eine eigene Meinung und freut sich immer sehr über Reaktionen zu seinen Beiträgen die zur Diskussion Anlass geben sollen. Er pflegt auch mit viel Spass seinen Twitter-Account @thomasroost.

·


Related Articles & Comments

×