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Michael Emenalos Arbeit und Abschied

Der Mann hinter Chelseas Erfolgen

Bis zu seinem überraschenden Rücktritt am Montag arbeitete Michael Emenalo zehn Jahre lang für den FC Chelsea: Zunächst als Gegner-Scout, dann als Co-Trainer und zuletzt als Technischer Direktor. Kaum einer prägte die erfolgreichste Zeit der Vereinsgeschichte so intensiv wie der 52-jährige Nigerianer. Emenalo kümmerte sich um die weltbeste Akademie sowie das umstrittene Leihspieler-System und war entscheidend an Chelseas Transferaktivitäten beteiligt.

Mit 1,88 Metern ist Andreas Christensen zwar ohnehin schon relativ gross, neuerdings soll er aber für etwas noch viel Grösseres als seinen eigenen Körper stehen: Und zwar exemplarisch für die zehnjährige Arbeit von Chelseas langjährigem Technischen Direktor Michael Emenalo, der am Montag völlig überraschend zurückgetreten ist. Ein Verabschiedungs-Video-Interview auf der offiziellen Vereinswebsite nutzte Emenalo, um ein Plädoyer für sein in Europa wohl einmaliges Leihspieler-System zu halten. Und da kam eben Christensen ins Spiel.

Mit 16 wechselte er für eine Ausbildungsentschädigung von der Jugendabteilung des dänischen Vereins Bröndby IF zu Chelsea, spielte dann zwei Jahre lang per Leihe bei Borussia Mönchengladbach, kehrte im Sommer zurück, stand am Sonntag gegen Manchester United in der Startelf und hat nun einen Marktwert von rund 20 Millionen Euro.

Ob Christensen denn ein gutes Beispiel für die potenzielle Funktionalität dieses System sei, wurde Emenalo also gefragt. „Absolut“, antwortete er und erklärte: „Andreas hat mir mit seiner Vorstellung ein wunderschönes Abschiedsgeschenk gemacht. Jetzt ist der richtige Moment für ihn zu zeigen, was er in seinen Entwicklungsphasen gelernt hat.“

Für Christensen kam dieser richtige Moment also im Alter von 21 Jahren, für den überwältigenden Grossteil der Vertreter dieses Leihspieler-Systems wird er jedoch niemals kommen. Genau das ist das Zweischneidige daran. Manche werden es das Verwerfliche nennen: Dieses System hat zwar den positiven Nebeneffekt, dass es hin und wieder und ganz selten ein Spieler tatsächlich zu den Profis schafft. Das Hauptziel ist es aber mittlerweile schlicht, Geld zu verdienen.

Christensens sind die Ausnahme, nicht die Regel. Emenalo, dem scheidenden Urheber des Systems, gefiel diese Zweckentfremdung zuletzt nicht so recht. Er entwickelte das System eigentlich mit dem Ziel, Spieler für Einsätze in Chelseas Profi-Mannschaft vorzubereiten.

Die beste Akademie der Welt

Mit 21 zog Emenalo einst von seinem Heimatland Nigeria in die USA und machte an der Boston University einen Abschluss in Internationalen Beziehungen, später verteidigte er unter anderem für Notts County und Eintracht Trier und nahm mit Nigeria an der WM 1994 teil. Nach dem Ende seiner aktiven Karriere holte ihn der damalige Trainer Avram Grant 2007 als Gegner-Scout zum FC Chelsea. 2010 stieg Emenalo unter Carlo Ancelotti zum Co-Trainer auf, ehe er im darauffolgenden Jahr zum Technischen Direktor befördert wurde. Fortan kümmerte sich Emenalo um Chelseas Nachwuchsakademie und Scouting-Netzwerk – und leistete dabei hervorragende Arbeit.

„Chelseas Akademie ist in jeglicher Hinsicht die beste des Landes und dominiert in jeder Altersstufe“, sagt Nizaar Kinsella, Chelsea-Korrespondent von GoalUK im Gespräch mit SPOX. Emenalo selbst nennt sie überhaupt „die beste Akademie der Welt“. 2015 und 2016 gewann Chelseas U19 die UEFA Youth League, die U18 holte zuletzt vier Mal in Folge den renommierten FA Youth Cup. Schlüsselspieler von Englands aktuellen U17- und U20-Weltmeister-Mannschaften stammen aus Chelseas Akademie.

Mit Tammy Abraham (20) und Ruben Loftus-Cheek (21) stehen zwei Akademie-Absolventen im aktuellen Kader der A-Nationalmannschaft. Beide sind derzeit verliehen, Stürmer Abraham an Swansea City und Mittelfeldspieler Loftus-Cheek an Crystal Palace. Sie sind nur zwei von Chelseas aktuell 34 Leihspielern.

34 gleiche Geschichten

Um seinen Fans einen Überblick über all die Leihspieler zu geben, hat der Verein auf seiner Homepage extra eine Unterseite eingerichtet. Man kann sich da durchscrollen, von A wie Abraham bis Z wie Zouma. Wer Zeit dafür findet, kann die 34 ausführlichen Porträts lesen. Sie alle erzählen aber die gleiche Geschichte: Die Geschichte von einem jungen, talentierten Buben, der irgendwo auf der Welt, ob in einem Londoner Vorort oder in Brasilien, von Chelseas exzellentem Scouting-Netzwerk entdeckt wurde, zu Chelsea wechselte, Nachwuchs-Titel gewann und seitdem andernorts Spielpraxis sammelt.

Betreut wird er dabei aber weiterhin intensiv von Chelsea-Mitarbeitern. Abgesehen vom scheidenden Emenalo beschäftigt Chelsea mit den Ex-Spielern Eddie Newton und Paulo Ferreira zwei Full-Time-Angestellte, die den Titel „loan player technical coach“ tragen. Sie fördern die Spieler, ehe sie irgendwann – nach einem oder fünf Leihgeschäften – durchstarten, mangels Aussichten auf Profi-Einsätze bei Chelsea aber trotzdem verkauft werden. Mit Vorliebe für viel Geld. Weil dann bleibt viel Geld, um teure Stars im besten Fussballer-Alter zu verpflichten.

Verleihen, um zu verdienen

„Dieses System ist ein riesiger Erfolg für den Verein“, sagt Chelsea-Korrespondent Kinsella. „Chelsea verleiht jede Saison rund 30 Spieler, nur um Geld zu verdienen. Das gibt dem Klub in der Folge die Möglichkeit, viel Geld auszugeben ohne die Regeln des Financial Fairplay zu brechen.“ In dieser Saison verzeichnete Chelsea trotz Ausgaben von rund 200 Millionen Euro eine weitestgehend ausgeglichene Transferbilanz.

Etwa dank Nathan Ake: Mit 16 für 800.000 Euro verpflichtet, dreimal verliehen, 217 Premier-League-Minuten für Chelsea, für 23 Millionen Euro verkauft. Oder Bertrand Traore: mit 18 für eine Ausbildungsentschädigung verpflichtet, zweimal verliehen, 373 Premier-League-Minuten für Chelsea, für zehn Millionen Euro verkauft. Oder Christian Atsu: Mit 21 für drei Millionen Euro verpflichtet, fünfmal verliehen, keine Premier-League-Minute für Chelsea, für 7,5 Millionen Euro verkauft.

Dieser – und nicht Christensens – Werdegang steht exemplarisch für Vertreter von Chelseas Akademie- und Leihspieler-System. Dass es Chelsea zum Geldverdienen verwendet, war aber nicht Emenalos ursprüngliche Intention, sondern die der wechselnden Trainer der Profi-Mannschaft, die unter Zeit- und Erfolgsdruck stehen. „Emenalo hätte gerne mehr selbst ausgebildete Talente in der Profi-Mannschaft gesehen, aber Antonio Conte bevorzugt es, erfahrene Spieler zu verpflichten“, erklärt Kinsella. Unter Contes Vorgängern war es wohl nicht anders. Emenalo frustrierte das zunehmend. Zu seinem vermeintlichem Pech funktionierte sein zweckentfremdetes System aber bestens.

Absagen von Contes Wunschspielern

Im sommerlichen Transfermarkt führte dieser Interessenskonflikt laut Kinsella zu „Spannungen zwischen Conte und den Transfer-Verantwortlichen“. Chelseas Management agierte zögerlich und handelte sich so reihenweise Absagen von Contes Wunschspielern ein. Romelu Lukaku, Alex Oxlade-Chamberlain, Fernando Llorente, Ross Barkley und Alex Sandro entschieden sich trotz starkem Interesse und den finanziellen Möglichkeiten des Klubs letztlich gegen Chelsea. Conte hat das Verhalten seines Klubs auf dem Transfermarkt dafür sogar öffentlich kritisiert.

Obwohl Emenalo in die Verhandlungen mit Spielern und Beratern stets involviert war, traf er jedoch nicht die abschliessenden Entscheidungen. Dies obliegt Marina Granovskaia, einer russisch-kanadischen Geschäftsfrau, die Emenalo als Direktorin vorgesetzt war. Das Duo arbeitete eng zusammen, genoss grosses Vertrauen von Besitzer Roman Abramovich und war deshalb bedacht darauf, äusserst achtsam mit dessen Geld umzugehen. „Weil sie gerne lange verhandeln, platzten einige Transfers“, sagt Kinsella.

Vor dem frustrierenden Transfersommer 2017 tätigte das Duo dagegen hervorragende Transfers für verhältnismässig wenig Geld. Für jeweils rund neun Millionen Euro verpflichtete Chelsea Thibaut Courtois (2011) und Cesar Azpilicueta (2012), für jeweils rund 35 Millionen Euro Eden Hazard (2012) und N'Golo Kante (2016). Während Emenalos Zeit im Klub gewann Chelsea drei Premier-League-Titel und 2012 die Champions League.

Abramovichs Vertraute

„Er hatte in den vergangenen zehn Jahren einen enormen Anteil an allem, was der Klub erreicht hat“, wurde der Vorstandsvorsitzende Bruce Buck in einer Stellungnahme zitiert, gleichzeitig drückte er sein Bedauern über Emenalos Abschied aus. Abramovich soll zuvor vergeblich versucht haben, Emenalo von einem Verblieb zu überzeugen. Dessen Entscheidung war jedoch unumstösslich. Er wolle sich künftig vornehmlich seiner Familie widmen, erklärte Emenalo. „Die wahren Gründe für seinen Abschied bleiben aber ein Mysterium“, sagt Kinsella.

Granovskaias Rolle im Klub wurde mit Emenalos Abschied jedenfalls nochmal wichtiger, sie übernahm dessen Aufgaben zunächst interimistisch. Letztlich womöglich aber auch langfristig. Es würde dauern, bis sich ein externer Emenalo-Nachfolger dasselbe Vertrauensverhältnis zu Abramovich erarbeitet hätte. Als potentielle Nachfolger werden deshalb Abramovich-Bekannte gehandelt, Leonid Sluzki (aktuell Trainer von Hull City) etwa oder Vereins-Legende Didier Drogba (aktuell Spieler und Besitzer des amerikanischen Klubs Phoenix Rising).

„Der Klub ist in guten Händen“, sagte Emenalo jedenfalls zum Abschied und fügte an: „Ich freue mich darauf, künftig ein Fan zu sein.“ Als solcher wird er von aussen verfolgen können, wie all die Talente der von ihm geprägten Akademie entwachsen und weiterhin verliehen werden. Wie sie dann wohl weiterhin keine Chancen in der Profi-Mannschaft bekommen und stattdessen verkauft werden. Um Platz zu schaffen für neue Stars.

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