d71970773bcd519ed10ef994797263de.jpg
Münsingen-Trainer Kurt Feuz, der ''Alex Ferguson der Schweiz'', im Interview

“Ich bin an der Seitenlinie natürlich ein bisschen ein Verrückter“

Am Mittwoch trifft der BSC Young Boys im Helvetia Schweiz Cup auf den FC Münsingen und damit auf die Mannschaft des dienstältesten Trainers der Schweiz. Kurt Feuz coacht den FC Münsingen mittlerweile seit 33 Jahren, das sind sechs Jahre länger als Manchester-United-Legende Sir Alex Ferguson. Kurt Feuz ist bekannt für seine laute und impulsive Art an der Seitenlinie. Wir haben ihn im Interview zu seiner langen Trainerlaufbahn, seinem Alltag als Coach und natürlich zum grossen Cupspiel gegen YB befragt.

Seit knapp einer Woche bist du 65 Jahre alt, herzliche Gratulation! Seit über 30 Jahren trainierst du den FC Münsingen. Ist dir das Trainerdasein noch nicht verleidet?

Nein, bist jetzt noch nicht. Es macht immer wie mehr Spass, besonders weil ich jetzt pensioniert bin und noch mehr Zeit habe. Ich kann mir gut vorstellen, noch ein paar Jahre Trainer in Münsingen zu sein. 

Wie du gesagt hast, bist du jetzt pensioniert. Der Trainerjob in Münsingen ist aber schon sehr zeitaufwendig, du machst sehr viel selber. Was sind deine Aufgaben als Coach der ersten Mannschaft?

Ja, das braucht sehr viel Zeit, aber ich mache es gerne und weiss auch, dass es richtig gemacht wird. Rund um die erste Mannschaft mache ich praktisch alles alleine: Spesenauszahlung, Trainingslager, Matchvorbereitung, Besichtigung des nächsten Spiels, Transfers und so weiter.

Das heisst, du schaust dir auch jeweils Spiele des nächsten Gegners an? Hast du das bei YB auch gemacht?

YB kenne ich natürlich relativ gut. Ihre Spiele konnte ich im Fernsehen aufnehmen und hoffe, daraus die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Die YB-Spieler sind mir bekannt und ich war auch schon im Training. Aber es natürlich müssig, gegen YB gross eine Taktik vorzubereiten. Wir haben höchstwahrscheinlich mehr mit den eigenen Problemen zu kämpfen. 

Ich bin an der Seitenlinie natürlich ein bisschen ein Verrückter. Aber ich glaube, wenn ich das nicht mehr bin, bin ich nicht mehr der Trainer Feuz und dann muss ich aufhören.  

Du bist schon seit 35 Jahren Trainer des FC Münsingen, das ist Rekord in der Schweiz. Was gefällt dir so gut in Münsingen?

Gut, das ist natürlich nicht nur einseitig, sondern das kommt auch vom Klub her. Ich hatte von Anfang an eine gute Vorstandscrew, die das mit mir zusammen gut geschaukelt hat. Ich bin ein bisschen ein Alphatier, das weiss ich auch. Ich habe es gern, wenn man mich einfach machen lässt. Durch das, dass bis jetzt grösstenteils alles gut gegangen ist, lässt man mich arbeiten. Es passt mir, dass ich nicht viele Anlaufstellen habe. Ich hatte eigentlich immer den Präsident, der mir zur Seite gestanden ist und der meine Ideen voll unterstützt hat. 

Du bist bekannt für deine sehr aktive Art an der Seitenlinie. Solche temperamentvollen Trainer sieht man in der Raiffeisen Super League kaum mehr. Ein Nachteil, dass diese Art Trainer vom Aussterben bedroht ist?

Nein, die moderne Art der jungen Trainer hat auf jeden Falle auch ihre Vorteile. Nicht alles, was früher gut gewesen ist, muss auch heute noch richtig sein. Aber es gibt sie schon noch, zum Beispiel Christian Streich bei Freiburg im Breisgau. Wenn man ihn an der Seitenlinie „herumtigern“ sieht, ist er sehr ähnlich wie ich. Man muss das eine tun und das andere nicht lassen, es gibt kein richtig oder falsch. Ich bin an der Seitenlinie natürlich ein bisschen ein Verrückter. Aber ich glaube, wenn ich das nicht mehr bin, bin ich nicht mehr der Trainer Feuz und dann muss ich aufhören.  

Quelle Video: Blick

Du bist nie mit Münsingen abgestiegen und seit langer Zeit in der 1. Liga. Was ist dein Erfolgsrezept?

Unser Erfolgsrezept ist, dass wir mit unseren Mitteln die richtigen Spieler holen. Wir holen keine Stars, wir können auch gar keine Stars bezahlen. Wir haben einen finanziell bescheidenen Rahmen. Wer zu uns kommt, kommt sicher nicht wegen der Spesen, sondern weil es sich in der Region Bern herumgesprochen hat, dass Münsingen ein ruhiges Umfeld hat, einen Trainer, der im Spiel- und Trainingsbetrieb ein bisschen verrückt ist, aber neben dem Feld ganz andere Facetten zeigt. 

Kommen wir zum grossen Cupspiel gegen den BSC Young Boys. Ich nehme an, dass es für dich als Ex-YB-Spieler am Mittwoch ein spezielles Spiel werden wird?

Wir hatten in den letzten Jahren Losglück im Cup, in den letzten fünf Jahren durften wir viermal gegen erstklassige Mannschaften spielen.  Zweimal gegen den FC Basel, einmal gegen den FC Sion und jetzt eben gegen YB. Das Los YB übertrifft natürlich alles, weil ich dort sechs Jahre spielen und eine sehr schöne Zeit in der höchsten Spielkasse erleben durfte. Das ist für mich das Höchste, dass ich gegen eine Mannschaft spielen darf, der ich einst geholfen habe.  

YB ist in den letzten Jahren bekannt dafür, dass sie  immer wieder gegen unterklassige Teams aus dem Cup ausgeschieden sind. Im letzten Jahr gegen den FC Winterthur, vor drei Jahren gegen den SC Buochs, der wie auch ihr in der 1. Liga spielt. Ist YB schlagbar, rechnet ihr euch Chancen aus?

Gut, Chancen hat man immer. Aber wir müssen realistisch bleiben. Wenn YB ein normales Spiel spielt, können wir sie auch mit einer aussergewöhnlichen Leistung nicht schlagen, das ist mir bewusst. Sie haben nun einen Sportchef und einen Trainer, die wissen, um was es geht (Anm. d. Red.: YB-Sportchef Spycher war Spieler beim FC Münsingen unter Kurt Feuz). Sie werden Münsingen sicherlich nicht unterschätzen. Beim Spitzenspiel gegen Solothurn am Samstag war YB mit vier Leuten anwesend. Das heisst, dass sie das Cupspiel sehr ernst nehmen. Wir müssen nicht das Gefühl haben, dass sie uns unterschätzen. Und wie gesagt, wenn sie eine normale Leistung bringen, ist die Differenz gross. Wir hoffen natürlich auf individuelle Fehler in ihrer Verteidigung, so dass wir beispielsweise durch einen stehenden Ball in Führung gehen könnten. Das wäre natürlich irrsinnig, dann wäre auch eine Spannung für die Zuschauer vorhanden. Aber man muss realistisch bleiben, wenn alles normal läuft, wird YB weiterkommen. Wenn nicht, werden wir das natürlich sehr gerne auszunutzen versuchen.

Bereitest du deine Mannschaft für das grosse Spiel gegen YB speziell vor oder wird die Vorbereitung wie bei jedem anderen Ligaspiel laufen?

Bei den Heimspielen gehen wir in der Regel nie zusammen essen. Jetzt mache ich aber eine Ausnahme. Vor den bisherigen vier Cupspielen, auch beim Sieg gegen Schaffhausen, assen wir gemeinsam im Restaurant Jäger in Bern und haben immer gewonnen. Ich bin etwas abergläubisch und normalerweise würden wir nicht essen gehen. Da wir aber noch nie verloren haben, als wir im Jäger essen waren, werden wir auch vor dem Cupspiel wieder gemeinsam essen. Ich hoffe, das bringt uns das nötige Glück, so dass wir YB schlagen können.

 Das wird für mich, die Spieler und den FC Münsingen ein einmaliges Erlebnis. 

Wie wird die Taktik gegen die Berner Young Boys aussehen? Konzentriert ihr euch hauptsächlich auf das eigene Spiel und schaut gar nicht gross auf den Gegner? 

Es gibt überhaupt keine Taktik gegen YB. YB wird sicherlich versuchen, uns in der eigenen Plätzhälfte einzuschnüren, sie werden Druck machen. Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als gut zu verteidigen. Es wäre vermessen zu glauben, gegen YB offensiv anzugreifen. So läufst du ins Messer, dann gibt es auf den Rand. Die Taktik ist ganz einfach, wir müssen möglichst lange das 0:0 halten, mit welchen Mitteln auch immer. Es wird eine Abwehrschlacht werden, wir können nur darauf hoffen, möglichst lange die Null zu halten und vielleicht mit einem „Lucky-Punch“ in Führung zu gehen. Das ist die einzige Chance, die wir haben. Wenn wir nach einer halben Stunde mit 0:3 im Hintertreffen liegen, ist der Match natürlich gelaufen, das ist ganz klar.

Das Cupspiel gegen die Berner Young Boys ist das grosse Highlight eurer bisherigen Saison. Erwartet ihr viele Zuschauer auf dem Sportplatz Sandreutenen?

Ja, das ist so. Es wird ein Zuschauerrekord geben. Gegen den FC Basel hatten wir einst 4'500 Zuschauer, es war schon damals mehr als voll. 5'000 Tickets, auf der Tribüne und Stehplätze, sind schon verkauft. Wir rechnen am Mittwoch mit 5'500 bis 6'000 Zuschauern. Es ist natürlich ein wahnsinniger Aufwand, diese ganze Infrastruktur zu stemmen. Das wird für mich, die Spieler und den FC Münsingen ein einmaliges Erlebnis. 

· ·


Related Articles & Comments

×