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Kopf hoch Jungs, dann halt über die Barrage!

Auch eine schlechte Halbzeit kann die beste Quali der Geschichte nicht vergessen machen

Was mit einem sensationellen Überraschungssieg gegen Portugal vor rund einem Jahr begann, endete heute Abend mit einer klaren Niederlage gegen denselben Gegner. In einer ungemein schwachen Gruppe zeigte die Nati ein Jahr lang Topleistungen, auch wenn sie sich stets in der ungeliebten Position der Mannschaft fand, die das Spiel machen muss. Dass sie auch diese Matches stets gewann ist nicht selbstverständlich und zeugt von der Entwicklung, die das Team unter Vladimir Petkovic hingelegt hat. Das kann auch die schlechteste zweite Halbzeit seit Langem nicht schmälern. Ein Kommentar.

Am Ende reichte es nicht ganz. Eine konzentrierte Nati hielt die favorisierten Portugiesen knapp eine Halbzeit lang in Schach und meldete selbst Cristiano Ronaldo weitgehend ab. Doch ein kurzes Aufmerksamkeitsloch in der Defensive, ein Eigentor von Johan Djourou reichte schon, damit das Spiel der Schweiz auseinanderfiel. In der zweiten Halbzeit war das Team nur noch ein Schatten seiner selbst, es fehlte der Einsatz, es fehlte der Wille, es fehlte der Kampf, der Petkovics Mannen in den letzten Monaten ausgezeichnet hatte und ihnen eine noch nie dagewesene Siegesserie bescherte.

Aber vergessen wir nicht: viele dieser Siege waren überhaupt nicht selbstverständlich. Vor Jahresfrist resultierte in Budapest ein äusserst knapper 3:2-Sieg gegen Ungarn, dank dem eingewechselten Valentin Stocker, der in der 89. Minute das Siegtor erzielte. Gegen Andorra war man zwar kaum je gefährdet, gewann aber trotzdem nur mit 2:1 und 1:0

Es ist ein Zeichen der Reife, dass die Nati solche Spiele mittlerweile gewinnt. Klar, die Gruppe B ist absolut kein Gradmesser. Die Färöer und Andorra sind reine Schiessbuden, auch wenn es, wie die Floskel geht, heutzutage keine “kleinen Teams” mehr gibt. Lettland marginal besser, die Ungaren nur noch ein Schatten dessen, was sie einst waren. Die Siege in der Qualifikations-Gruppenphase waren nicht immer schön, sie waren nicht immer hoch, aber es waren Siege. Und das ist was am Ende zählt. Wäre die Schweiz ein Verein im Ligabetrieb, würde man sagen: “So gewinnt man eben Meisterschaften.“ Normalerweise.

Bittere Niederlagen gegen Aussenseiter gab es seit einer Weile nicht mehr: das Ausscheiden gegen Polen an der EM war zwar bitter, aber die Polen verfügen über ein starkes Team und gewannen ihre WM-Quali-Gruppe souverän mit 5 Punkten Vorsprung. Heute verlor man gegen Portugal – dass die Enttäuschung darüber so gross ist, spricht auch für unsere Nati. Portugal ist immerhin der amtierende Europameister, die Portugiesen haben mit dem Spiel heute ebenfalls 9 Pflichtspielsiege in Serie eingefahren.

Ansonsten müssen wir bis ins Jahr 2014 und die letzte EM-Qualifikation zurückgehen, um die nächste Pflichtspielniederlage gegen einen Aussenseiter zu finden. Slowenien hiess der Gegner damals, die Nati verlor mit 0:1 in Ljubljana, das einzige Tor fiel per Elfmeter. Doch schon im Rückspiel zeigte die Nati ihr Kämpferherz, als sie zu Hause in 10 Minuten aus einem 0:2 ein 3:2 machte. Solche Spiele gab es seit damals einige. Gegen Ungarn und gegen Lettland stachen die Joker Stocker und Drmic gleich nach ihrer Einwechslung – der Chefcoach bewies dabei ein goldenes Händchen.

Petkovic’s Nati ist in der Breite deutlich gewachsen. Klar, ein Granit Xhaka in Topform kann kaum ersetzt werden. Aber nicht zuletzt der Ausfall von Valon Behrami hat gezeigt, dass die Ersatzleute bereitstehen und keine Notfalllösungen sind. Fabian Frei machte gegen Ungarn nach einem unauffälligen Beginn ein starkes Spiel und krönte seine starke Leistung mit einem Tor. Steven Zuber, auch er keine Stammkraft, erzielte deren zwei. Heute Abend waren sowohl Remo Freuler als auch Blerim Dzemaili enorm schwach. Aber Petkovic hatte mit Denis Zakaria und ebendiesem Steven Zuber valablen Ersatz auf der Bank. Entscheidende Impulse vermochten auch sie nicht zu geben, spielten letztendlich aber beide besser als ihre Vorgänger auf dem Platz.

Sie fügten sich zusammen mit einem Breel Embolo, der seine alte Form noch längst nicht wiedergefunden hat, in ein für einmal farbloses Kollektiv ein. Aber damit müssen wir uns als Fans der Schweizer Nati abfinden: unser Team ist eine Stimmungsmannschaft. Wenn der Wille da ist, kann es Berge versetzen. Wenn nicht, fehlt allenthalben die Laufbereitschaft, der Glaube, die Konsequenz. Wenn das in diesem Ausmass alle 10 Spiele für eine Halbzeit passiert, kann ich mich damit abfinden.

Nun geht es anfangs November in die Barrage. Gegen wen auch immer die Nati antreten muss – Schweden, Nordirland, Griechenland oder Irland – sie kann es mit breiter Brust tun, sie hat die Fähigkeiten, die Kaderbreite und die Coolness, jeden möglichen Gegner zu besiegen. Daran ändern auch schwache 50 Minuten gegen Portugal nichts.

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