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Federer vs. del Potro 5:7 6:3 6:7 4:6

Deshalb hätte Roger Federer diesen Viertelfinal gewinnen müssen

Man muss Juan Martin del Potro diesen Erfolg einfach gönnen. Der Argentinier, der wegen Verletzungen schon mehrmals vor dem Karriereaus stand, zeigte eine starke Leistung und schickte mit Roger Federer den grossen Favoriten auf den Turniersieg nach Hause.

Bei aller Sympathie für del Potro. Diesen Match hätte Roger Federer gewinnen müssen. Wir analysieren, warum.

Das hat uns gefallen:
– Aggressive Returns bei 2. Service
– Oft am Netz
– Der 2. Satz

Gegen eine Servicemaschine wie Juan Martin del Potro kriegt man beim Return nicht viele Chancen. Vor allem nicht beim ersten Service. Der Argentinier prügelte seine Ersten mit der Zuverlässigkeit eines Uhrwerks ins Feld: im 1. Satz hatte er eine Quote von 78% der 1. Aufschläge im Feld, dabei machte er 84% der Punkte. Im 4. Satz machte er gar 93% der Punkte, wenn der 1. Service im Feld war. Von solchen Quoten können Spieler normalerweise nur träumen. Die wenigen Chancen, die man als Returnspieler so hat, sollte man auch nutzen: es gilt die 2. Services anzugreifen, um den Druck auf den 1. Service des Aufschlägers zu erhöhen und zu hoffen, dass er zu wackeln beginnt. Das machte Federer gut. So holte er sich beispielsweise mit Chip and Charge den 1. Breakball des Spiels, zu Beginn des 2. Satzes. Beim Breakball selber musste del Potro dann erneut über den Zweiten, aber der misslang Federer dann für einmal – das war zu dem Zeitpunkt erst der 4. Punkt nach 2. Service für del Potro. Eigentlich unglaublich wenig, aber das lag auch daran, dass der Argentinier einfach grossartig servierte und bis dahin nur achtmal überhaupt über den 2. Service musste. Am Ende hatte er eine Quote von 51% gewonnener Punkte nach 2. Service. Das spricht für Federer – allerdings schwächelte del Potro beim Ersten trotzdem nicht.

Ich habe an dieser Stelle oft kritisiert, dass Federer für Hartplatz zu wenig ans Netz geht. Heute war er sehr oft vorne, nämlich 53-mal in vier Sätzen. In der ersten Runde gegen Frances Tiafoe waren es noch 25 Netzpunkte in fünf Sätzen gewesen. Die Quote war dabei nicht schlecht: 64% der Punkte machte er. Das ist nicht überragend, aber ein Nebeneffekt davon, wenn man so oft vorgeht, denn natürlich wird man hin und wieder in eine schlechte Netzposition kommen. Im 1. Satz machte er beispielsweise 9 von 11 Punkten am Netz, verlor den Satz aber trotzdem, weil er den wichtigsten Netzpunkt nicht machte: den bei Breakball del Potro bei 5:5 30:40. Hätte er den versenkt, die Statistik wäre noch besser gewesen und der Satz in die Verlängerung gegangen.

Ich will die Leistung Juan Martin del Potros nicht schmälern. Aber dass Roger Federer heute verloren hat, lang zu einem grossen Teil an ihm selber und an seiner exorbitanten Fehlerquote. Wie es auch hätte laufen können, wenn Federer die Konzentration halten mag, sah man im 2. Satz. Er machte da 18 Winner gegenüber 5 unforced Errors. Im Rest des Matches waren es 42 Winner gegenüber 36 unforced Errors. Die Leistung im 2. Satz war richtig gut und konzentriert.

Das hat uns nicht gefallen:
– Der Service
– Zu viele unforced Errors
– Die Antizipation von del Potro

Normalerweise ist der Service eine der wichtigsten Säulen im Spiel von Roger Federer. Heute liess er ihn komplett im Stich. Nur 61% der ersten Services waren im Feld, dabei machte er 73% der Punkte. Bei zweitem Service war er in 57% der Fälle erfolgreich und damit nur marginal besser als del Potro. Das kann einfach nicht reichen, wenn man auf der anderen Seite einen Gegner hat, der einem die Bälle um die Ohren serviert, als ob sie ihm etwas angetan hätten. 

Federer hatte bisher zwei gute Matches (gegen Kohlschreiber und Lopez) und zwei schwache Matches (gegen Youzhny und Tiafoe). In den beiden ersten Runden machte er sich selber das Leben schwer, indem er viel zu viele unnötige Fehler machte. Das ging knapp gut, weil auf der anderen Seite eben “nur” Mikhail Youzhny und Frances Tiafoe standen. Heute stand da ein del Potro und es reichte nicht mehr. 41 unforced Errors in vier Sätzen sind zu viel. Insbesondere, wenn man eben den Service nicht hat, um das fahrige Grundlinienspiel zu kompensieren. Natürlich beeinflusst sich das auch gegenseitig. Laufen die Ballwechsel gut, nimmt einem das Druck vom Service und man kann lockerer aufschlagen, kommt der Aufschlag gut, kann man im Ballwechsel auch mal was riskieren. Umgekehrt kann man so auch in eine Negativspirale kommen und genau das ist Roger Federer heute wohl passiert. Die zwei schlimmsten Fehler: Federer sah sich im 4. Satz einem Breakball gegenüber, machte eigentlich alles richtig, konnte ans Netz vorrücken und smashte. Del Potro erreichte den Ball locker und lupfte ihn ins Feld zurück. Federer setzte erneut zum Smash an – und der war einfach – setzte ihn aber ins Netz. Das war die Vorentscheidung, denn del Potro war bei eigenem Aufschlag zu dem Zeitpunkt komplett unantastbar. Auch der Punkt vor dem Matchball tat weh: zweiter Service del Potro, Federer geht direkt ans Netz, bekommt einen leichten Volley – und schlägt ihn ca. vier Meter ins Seitenaus. Zum Haareraufen! Heute war einfach der Wurm drin.

Zeitweise schien es, als ob der Argentinier einfach immer am richtigen Ort stand. Bestes Beispiel: bei 3:5 im 4. Satz 0:15: der Schweizer attackiert eigentlich gut, del Potro steht irgendwie einfach goldrichtig und packt einen Winner aus. Warum sich da Federer duckt, wird wohl sein Geheimnis bleiben. 

Das hat uns überrascht:
– Die Konstanz von del Potro

Der Argentinier spielte kein unglaublich spektakuläres Tennis. Es gab gute Ballwechsel, aber auch viele Fehler auf beiden Seiten. Del Potro gewann das Match, weil er deutlich konstanter war als sein Gegner. Seine Rückhand, die er ja aufgrund seiner ständigen Verletzungen umstellen musste, war stark. Vor allem in den entscheidenden Momenten war der Mann aus Tandil bereit. So zum Beispiel, als er vier Satzbälle Federers im 3. Satz abwehrte. Am Ende hatte er 6 Punkte mehr auf dem Konto als Federer (131 vs. 125). Das ist marginal. Aber del Potro holte sich eben die Punkte, die zählten. Öfter als nötig mit gütiger Mithilfe des Schweizers. Der Argentinier der solidere, konzentriertere Spieler – das ist schon erstaunlich: normalerweise ist es Federer, der seine Gegner mit seiner Konstanz zermürbt. Ausserdem war del Potro diese Woche krank gewesen, hatte gegen Thiem ans Aufgeben gedacht und nicht zuletzt in dem Match mehr als dreieinhalb Stunden auf dem Platz gestanden.

Das waren die Aufreger des Spiels:
– Die Doppelfehler

Seit Jahren ist Roger Federer dafür bekannt, dass er in schwierigen Situationen sein bestes Tennis auspackt. Nicht so heute. Besonders schwerwiegend: 5 Doppelfehler. Das kennt man von ihm so nicht. Von diesen kamen zwei auch noch in absolut entscheidenden Phasen und zwar bei 5:5 30:30 im 1. Satz – das war der bis dahin wichtigste Punkt des Spiels und er sorgte bereits für einen ersten Dämpfer beim Schweizer, denn den nächsten Punkt verlor er auch, am Netz. Schreckliches Timing. Im 3. Satz passierte ihm dann fast dasselbe. Es stand 0:1 30:40 – Breakball für del Potro. Und Federer unterlief wieder ein Doppelfehler. Fans auf der Tribüne vergruben ihr Gesicht in den Händen, denn spätestens da war klar, dass die Sache ganz, ganz eng werden würde.

Wenigstens erlaubte sich del Potro auch so einen Aussetzer, auch wenn es am Ende nichts brachte: im Tiebreak des 3. Satzes, beim Stand von 6:6. Ebenfalls eine kapitale Situation, nur, dass es Federer eben nicht gelang, den Satz dann zu gewinnen. Schade, aber die Gewissheit, dass es an einem selber lag, kann einem auch Selbstbewusstsein und Motivation für die Zukunft geben.

 

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