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Vertragsverlängerung mit Petkovic bis 2020

Eine logische und vor allem eine clevere Entscheidung

Der Schweizerische Fussballverband und Vladimir Petkovic haben den nach der Weltmeisterschaft in Russland auslaufenden Vertrag vorzeitig um zwei Jahre verlängert. Eine anhand der guten Resultate logische Entscheidung, auch wenn der Zeitpunkt der Verlängerung etwas überraschend kommt.

Als feststand, dass der heute 54-jährige Tessiner das Amt des Naticoaches nach der Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien von Ottmar Hitzfeld übernehmen wird, waren aus der Medienlandschaft auch kritische Stimmen zu hören. Auch beim Schweizerischen Fussballverband war Petkovic damals offenbar nicht erste Wahl. Namen wie Marcel Koller oder Lucien Favre standen über Petkovic auf der Wunschliste des SFV. 

Mit dem bei den Fans und den Medien sehr beliebten Ottmar Hitzfeld musste Vladimir Petkovic ein schweres Erbe antreten und hatte am Anfang mit viel Gegenwind zu kämpfen. So hiess es etwa, er könne keine grossen Spiele gewinnen oder es mangle ihm an internationaler Erfahrung.

Vorurteil bestätigte sich: Petkovic kann einfach keine grossen Spiele gewinnen

Mit der Qualifikation für die EM 2016 in einer, vom ungeschlagenen Gruppensieger England abgesehen, eher schwachen Gruppe konnte er diese Vorurteile nicht gänzlich abbauen. Gegen England war die Schweizer Nati zweimal spielerisch unterlegen und verlor beide Aufeinandertreffen mit den „Three Lions“ mit 0:2. Und sind wir ehrlich, die übrigen Gruppengegner waren mit San Marino, Litauen, Estland und Slowenien allesamt schlagbar. Mit Ausnahme der Auswärtsniederlage in Slowenien gewann die Schweiz auch alle übrigen Spiele mehr oder weniger souverän. 

An der Europameisterschaft in Frankreich schnupperte die Schweizer Nati bei der Nullnummer gegen den Gastgeber an einer Sensation und zeigte eine beeindruckende Leistung gegen das Starensemble der Équipe Tricolore. Im Achtelfinale gegen Polen scheiterte die Schweiz hauchdünn im Elfmeterschiessen. Das Vorurteil bestätigte sich: Petkovic kann die grossen Spiele einfach nicht gewinnen! Er erfüllte zwar die von allen erwartete Achtelfinalqualifikation, verpasste aber die Sensation.

WM-Quali spricht für Petkovic: Sechs Spiele, Sechs Siege 

Zum Auftakt der WM-Qualifikations-Kampagne schockte die Schweiz den Europameister Portugal in Basel. Dank einer abgezockten und effizienten Leistung schlug die Schweizer Mannschaft die ohne Cristiano Ronaldo angetretenen Portugiesen mit 2:0. Vladimir Petkovic durfte seinen ersten grossen Sieg feiern. Bis anhin konnte seine Mannschaft alle Gruppenspiele gegen allerdings mittelmässig bis schwach besetzte Teams gewinnen und thront mit 18 Punkten an der Tabellenspitze der Gruppe B. 

Vor den Spielen gegen Andorra und Lettland hat der Schweizer Fussballverband die frühzeitige Vertragsverlängerung mit Petkovic um zwei Jahre bekannt gegeben. Eine anhand der positiven Resultate logische Entscheidung zu einem cleveren Zeitpunkt, wie ich finde. Denn trotz der sechs Siege und den 18 Punkten auf dem Konto hat sich die Schweiz noch nicht für die WM qualifiziert, die Schweiz spürt den Atem von Portugal mit dem besseren Torverhältnis im Nacken. Als allfälliger Gruppenzweiter müsste man sich über die Barrage für die WM-Endrunde qualifizieren. 

Vertragsverlängerung verstärkt Vertrauen

Mit der Vertragsverlängerung signalisiert der Schweizerische Fussballverband Petkovic Vertrauen und stärkt ihm vor den entscheidenden Partien den Rücken. Er kann sich in aller Ruhe auf die vier noch vor ihm liegenden Spiele konzentrieren und muss sich in dieser wichtigen Phase keine Gedanken um seine Zukunft machen. 

Ausserdem hat sich Petkovic diese frühzeitige Vertragsverlängerung meiner Meinung nach verdient. Lässt man die durchaus positiven Resultate einmal ausser Acht, erkennt man auch, dass sich die Schweizer Nati unter dem kroatisch-schweizerischen Doppelbürger zu einer Einheit zusammengefunden hat. Die Spieler fühlen sich im Kreise der Nationalmannschaft wohl und loben die Stimmung und ihren Coach immer wieder öffentlich in den Medien.  

Guten Draht zu den Spielern zahlte sich schon öfter aus

Lobenswert ist meiner Meinung nach auch vor allem, wie er in der Vergangenheit mit Spielern, die bei ihren Vereinen nur wenig Spielzeit erhalten haben, umgegangen ist. Trotz wenig Einsatzzeit in der Bundesliga bot er Spieler wie Johan Djourou, Fabian Schär, Haris Seferovic, Josip Drmic oder Valentin Stocker weiterhin auf und schenkte ihnen Vertrauen. Sie dankten es ihm in der bisherigen Qualifikation mit guten Leistungen: Drmic schoss das entscheidende Tor gegen Lettland, Schär überzeugte defensiv und traf gegen Andorra, Stocker und Seferovic erzielten beide gegen Ungarn ein Tor. Petkovic, ehemaliger Sozialarbeiter bei Caritas, hat ein gutes Gespür für seine Spieler, sucht immer das Gespräch mit ihnen und kann mit ihren jeweiligen Situationen gut umgehen. Auch das ist eine wichtige Qualität, die im resultatorientierten Fussballbusiness manchmal etwas untergeht. 

Ich bin überzeugt, dass die vorzeitige Vertragsverlängerung für die Schweizer Nationalmannschaft ein Gewinn ist, auch wenn der Zeitpunkt durchaus etwas risikobehaftet ist. Doch nur wer wagt, kann auch gewinnen: Denn, im Falle einer WM-Qualifikation und einer gelungenen WM-Endrunde müsste man sicher nicht den Abgang eines erfolgreichen Nati-Trainers befürchten.

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